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AI x HUMAN

Janine Wald & Metaphysis

Eine persönliche Geschichte zwischen Mathematik, Quantenmechanik, Kunst und der Rückkehr zur Neugier.

Ich bin Janine Wald, Geschäftsführerin der Agentur DMP und Initiatorin von ARTMIS. Nach meinem Mathematikstudium in den USA führte mich mein Weg über die Unternehmensberatung an die Universität für angewandte Kunst Wien.

Dort begegnete ich Ende der 1990er-Jahre der Quantenmechanik – unter anderem in einem Kurs zur theoretischen Physik bei Anton Zeilinger, unterstützt von Reinhold Bertlmann. Aus dieser Begegnung zwischen Mathematik, Quantenphysik und Kunst entstand 1998/99 mein Projekt Metaphysis – Science as Inspiration.

Fast drei Jahrzehnte später kehre ich mit künstlicher Intelligenz als Lern- und Diskussionspartner zu vielen dieser Fragen zurück. ARTMIS gibt mir die Möglichkeit, meine wissenschaftliche Neugier wieder auszuleben, frühere Gedanken kritisch zu hinterfragen und neue Verbindungen zwischen Wissenschaft, Kunst und Technologie zu erkunden.

Diese Seite erzählt, woher diese Interessen kommen, was von Metaphysis geblieben ist und weshalb mich manche Fragen bis heute nicht loslassen.

Quote

Ich bin keine Physikerin, keine Quantenforscherin – und heute auch keine Mathematikerin mehr. Das Leben hat mich ins Business geführt. KI gibt mir heute Zeit, Denkraum und einen ziemlich geduldigen Privatlehrer zurück. So kann ich wieder Wissenschaftlerin spielen – neugierig, frei und im Polylog mit Menschen und KI.

Janine Wald

Ein ziemlich ungerader Lebenslauf

Nach meinem Mathematikstudium in den USA führte mich mein Weg zunächst in die strategische Unternehmensberatung. Allerdings nicht besonders lange. Ich merkte ziemlich schnell, dass ich dort nicht bleiben wollte – und ergriff gewissermaßen die Flucht in die Kunst.

Der Wechsel war radikal: Ende der 1990er-Jahre begann ich an der Universität für angewandte Kunst Wien bei Prof. Christian Ludwig Attersee zu studieren. Plötzlich durfte ich meiner Neugier einfach folgen, ohne Business Case, ohne Nutzenversprechen und ohne vorher wissen zu müssen, was dabei herauskommen würde. Diese Freiheit war vermutlich wichtiger als jeder geplante Karriereweg.

Mein amerikanischer Bachelor of Science in Mathematik öffnete mir dabei eine unerwartete Tür: Durch die Anerkennung meines Abschlusses konnte ich an einem fortgeschrittenen Kurs zur theoretischen Physik bei Anton Zeilinger, unterstützt von Reinhold Bertlmann, teilnehmen.

Ich war keine Physikerin und wurde auch keine. Ich war eine neugierige Kunststudentin, die plötzlich tief in die Quantenmechanik eintauchen durfte.

Und ich war sofort fasziniert.

Metaphysis · 1998/99 – Science as Inspiration

Für meine Bewerbung bei der Ars Electronica entwickelte ich damals kein kleines Semesterprojekt, sondern gleich ein ganzes Universum. Unter dem Leitgedanken „Wissenschaft als Inspiration“ verband ich Quantenmechanik, Philosophie, Wahrnehmung und Kunst zu einem umfangreichen Ausstellungskonzept.

Ich führte ein Interview mit Anton Zeilinger, entwarf den Themenraum „Was bin ich? Körper, Geist/Seele und Bewusstsein“, plante einen rund 15-minütigen Animationsfilm, zeichnete Storyboards und experimentierte mit frühen 3D-Animationen. Dabei beschäftigte ich mich mit Metaphysik, Wahrscheinlichkeit, Realität und der Frage, wie wissenschaftliche Vorstellungen unsere Wahrnehmung der Welt verändern können.

Aus diesen Überlegungen entstand auch meine persönliche „Sphäre der Kreativität“ – eine Idee, die mich bis heute begleitet.

Die erhaltene Projektdokumentation umfasst rund 70 Seiten. Sie ist für mich heute zugleich Archiv, Zeitkapsel und eine faszinierende Spur meines damaligen Denkens.

Nicht alles daraus kann oder möchte ich veröffentlichen. Manche Seiten enthalten fremdes Bildmaterial, für das mir die Veröffentlichungsrechte fehlen. Andere sind technisch herrlich veraltet. Deshalb zeige ich hier ausgewählte eigene Fragmente und Gedanken, die mich bis heute beschäftigen.

Ich möchte Metaphysis nicht nachträglich zu einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt erklären. Manche Aussagen würde ich heute vorsichtiger formulieren, manche metaphysischen Gedanken deutlicher als künstlerische Interpretation kennzeichnen. Aber auch diese Unschärfen gehören zur Geschichte meiner damaligen Neugier.

Ars Electronica sagte Nein

Die Ars Electronica lehnte mein Projekt damals übrigens ab.

Mehr als zwanzig Jahre später begegnete ich zufällig einem ihrer Direktoren. Er war vermutlich nicht für die damalige Entscheidung verantwortlich, musste sich die Geschichte aber trotzdem anhören. Den kleinen Seitenhieb konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

Schließlich stand im Mittelpunkt meines abgelehnten Projekts unter anderem ein Gespräch mit Anton Zeilinger. 2022 erhielt er den Nobelpreis für Physik.

Ein winziger Teil von mir fand diese Pointe ausgesprochen befriedigend.

Dinge ohne Grund

Was mich an der Quantenmechanik am stärksten faszinierte, war nicht Schrödingers Katze und auch nicht der Welle-Teilchen-Dualismus. Es war die Wahrscheinlichkeit.

In der Standarddeutung, wie ich sie damals kennenlernte, bedeutet sie bei einem einzelnen Quantenereignis nicht einfach: „Wir kennen den Grund noch nicht.“ Die Theorie beschreibt die Wahrscheinlichkeiten möglicher Messergebnisse, ohne festzulegen, welches einzelne Ergebnis tatsächlich eintreten wird. In meinen damaligen Unterlagen begegnete mir dafür der Ausdruck „primäre Wahrscheinlichkeit“. In meinem Kopf wurde daraus ein viel radikalerer Gedanke: Dinge ohne Grund.

Ich fand das wunderschön. Fast mystisch. Nicht, weil Quantenphysik Mystik beweisen würde, sondern weil diese Vorstellung meinem Bedürfnis widersprach, hinter jedem Ereignis eine weitere Ursache zu suchen.

Die Arbeiten von John Bell sowie Simon Kochen und Ernst Specker zeigen, wie anspruchsvoll diese Frage wissenschaftlich ist. Ihre No-Go-Theoreme schließen nicht grundsätzlich alle Theorien mit verborgenen Variablen aus. Sie zeigen jedoch, dass bestimmte klassische Annahmen – insbesondere Lokalität beziehungsweise Nicht-Kontextualität – nicht ohne Weiteres mit den Vorhersagen der Quantenmechanik vereinbar sind.

Für mich entstand daraus etwas ganz anderes: keine physikalische Theorie, sondern eine persönliche künstlerisch-philosophische Metapher.

Wenn Wahrscheinlichkeit fundamental sein kann, warum sollte ich dann nicht auch Kreativität als etwas Fundamentales denken dürfen?

Ich nenne diese Vorstellung „Grundkreativität“: das Bild einer Wirklichkeit, in der nicht alles wie in einem längst geschriebenen Drehbuch feststeht.

Ob die Natur tatsächlich so beschaffen ist, lässt sich daraus nicht ableiten. Aber die Vorstellung eröffnet mir einen Denkraum – und genau dort beginnt für mich Kunst.

Die grauen Herren und der würfelnde Gott

Wenn ich mir die historischen Fotografien aus der Physik heute ansehe, fällt mir etwas auf: erstaunlich viele Männer, sehr ernste Gesichter und jede Menge graue Anzüge. Die theoretische Physik war sichtbar männlich dominiert.

In meinem damaligen, bewusst stereotypen Yin-und-Yang-Bild hatte die Quantenwelt deshalb fast etwas ironisch „Weibliches“. Sie ließ sich nicht vollständig festnageln, nicht restlos kontrollieren und widersetzte sich der klassischen Vorstellung, jedes einzelne Ereignis müsse bereits im Voraus eindeutig feststehen.

Das war natürlich keine wissenschaftliche Beschreibung weiblicher oder männlicher Eigenschaften, sondern eine künstlerische Zuspitzung aus meiner damaligen Perspektive.

Besonders faszinierend fand ich dabei Albert Einstein. Ausgerechnet einer der großen Wegbereiter der Quantenphysik konnte sich mit ihrem probabilistischen Charakter nicht abfinden. Sein berühmter Satz „Gott würfelt nicht“ bringt diese Spannung bis heute auf den Punkt.

Und dann gibt es dieses herrliche Foto, auf dem Einstein der Welt die Zunge herausstreckt.

Ich stelle mir die Pointe inzwischen gerne umgekehrt vor: Vielleicht streckt nicht Einstein der Welt die Zunge heraus. Vielleicht streckt die Welt sie uns heraus.

Wir entwickeln ein elegantes mathematisches Modell, sind kurz davor, uns ungeheuer klug zu fühlen – und die Natur sagt: Nein.

Diese Bereitschaft, sich von der Wirklichkeit widersprechen zu lassen, ist für mich eine der schönsten Eigenschaften von Wissenschaft.

Bell · Kochen · Specker – mein erster echter Quantenkurs

Meine Seminararbeit vom 13. November 1998 trägt den Titel „Das Bell-Kochen-Specker Theorem“. Damals arbeitete ich mich durch verborgene Variablen (Hidden Variables), kommutierende Observablen, Pauli-Matrizen, Nicht-Kontextualität, Lokalität und die GHZ-Variante des Bell-EPR-Arguments.

Hinter diesen mathematischen Begriffen steckt eine Frage, die mich bis heute fasziniert: Besitzen physikalische Systeme ihre Eigenschaften bereits unabhängig von einer Messung – oder müssen wir unsere klassischen Vorstellungen von Wirklichkeit grundlegend überdenken?

Es war mein erster richtiger Quantenphysik-Kurs. Und wenn ich heute meine handschriftlichen Berechnungen betrachte, denke ich manchmal ganz ungeniert: Das habe wirklich ich gerechnet?

Fast drei Jahrzehnte später müsste ich vieles davon erneut von Grund auf erarbeiten. Genau hier eröffnet mir künstliche Intelligenz eine Möglichkeit, die ich damals nicht hatte: Ich kann Gleichungen Schritt für Schritt durchgehen, mir eine Herleitung auf fünf verschiedene Arten erklären lassen, gezielt nach Gegenargumenten fragen oder eine eigene Überlegung kritisch prüfen lassen.

Natürlich ersetzt das keine wissenschaftliche Ausbildung, keine Fachliteratur und schon gar keinen Austausch mit wirklichen Experten. Auch KI-Erklärungen können falsch sein und müssen überprüft werden.

Aber ich bekomme etwas zurück, das mir lange gefehlt hat: Zeit, Denkraum und einen ziemlich geduldigen Privatlehrer. Und damit wieder Zugang zu einer mathematischen Welt, die mich schon damals begeistert hat.

Die Sphäre der Kreativität

Das Persönlichste, was aus Metaphysis geblieben ist, ist meine „Sphäre der Kreativität“. Bereits 1998 versuchte ich, einen Moment sichtbar zu machen, der mich bis heute fasziniert: Wie wird aus etwas, das noch nicht existiert, plötzlich eine Idee, ein Bild oder eine neue Verbindung?

In meinen damaligen Zeichnungen entstanden eine innere und eine äußere Sphäre, Übergänge zwischen einer Welt der Möglichkeiten und der manifesten Wirklichkeit – und jener geheimnisvolle Punkt, an dem eine Möglichkeit plötzlich Gestalt annimmt. Diesen Augenblick verband ich damals, ziemlich pathetisch, mit dem „Kuss der Muse“.

Heute unterscheide ich wesentlich bewusster zwischen Physik, Metaphysik und künstlerischen Metaphern. Die Sphäre der Kreativität ist kein wissenschaftliches Modell und keine physikalische Erklärung der Entstehung von Ideen. Aber den Kuss der Muse behalte ich trotzdem.

Denn diese Vorstellung ist bis heute eines meiner persönlichen Leitmotive.

Vielleicht ist es deshalb gar nicht so überraschend, dass ich schließlich Geschäftsführerin einer Kreativagentur wurde. Kreativität prägt mein berufliches Schaffen ebenso wie meine persönlichen Interessen. Ich arbeite mit eigenen Ideen, mit der Kreativität anderer Menschen und inzwischen auch mit den Möglichkeiten generativer künstlicher Intelligenz.

Was mich dabei immer wieder begeistert, ist derselbe Übergang wie damals: Etwas ist noch nicht da – und plötzlich entsteht eine Idee, eine Form, ein neuer Zusammenhang.

Man kann kreative Prozesse psychologisch, neurowissenschaftlich oder algorithmisch untersuchen. Doch selbst wenn wir immer besser verstehen, wie Ideen entstehen, verliert dieser Moment für mich nichts von seiner Magie.

Vielleicht ist genau das die schönste Verbindung zwischen meiner damaligen Metaphysis und dem heutigen ARTMIS: die Freiheit, Möglichkeiten zu denken, bevor wir wissen, was daraus werden kann.

Ein Bild aus 1998 – und ein merkwürdiges Déjà-vu

Wenn ich heute mit KI-Systemen Bilder zu Begriffen wie „Quantum Field“ oder „Quantenfeld“ generiere, entstehen erstaunlich häufig ähnliche visuelle Motive: Membranen, Sphären, Knoten, Wellen, leuchtende Übergänge und geheimnisvolle Öffnungen.

Manche dieser Bilder erinnern mich verblüffend an die inneren Sphären und Übergänge meiner alten Metaphysis-Animationen aus dem Jahr 1998.

Natürlich bedeutet diese Ähnlichkeit nicht, dass ich damals Quantenfeldtheorie vorausgesehen oder wissenschaftlich visualisiert hätte. Das habe ich nicht.

Mich interessiert vielmehr eine andere Frage: Warum greifen menschliche und künstliche Bildwelten manchmal zu ähnlichen Metaphern, wenn sie etwas darstellen sollen, das sich unserer unmittelbaren Anschauung entzieht?

Vielleicht liegt es an gemeinsamen visuellen Konventionen, an kulturell geprägten Vorstellungen von Raum und Energie oder daran, dass generative KI mit menschlich geschaffenen Bildern trainiert wurde. Gerade diese Frage nach den Ursprüngen visueller Vorstellungen finde ich spannend.

Auf ARTMIS treffen deshalb zwei Bildwelten aufeinander: meine „Human Imagination“ von 1998 und die heutige „Generative Imagination“ durch KI.

Die Ähnlichkeit ist kein wissenschaftlicher Beweis und keine geheimnisvolle Vorhersage.

Aber sie ist ein wunderschönes Déjà-vu – und eine neue Einladung, über Kreativität, Wahrnehmung und künstliche Intelligenz nachzudenken.

Plato, Pythagoras und das, was „real“ ist

Schon in meinen Storyboards von 1998 tauchten Pythagoras und Plato auf. Mich faszinierte die Vorstellung, dass Mathematik mehr sein könnte als ein Werkzeug zur Beschreibung der Welt. Der pythagoreischen Tradition wird der Gedanke zugeschrieben, dass Zahlen eine grundlegende Rolle in der Ordnung der Wirklichkeit spielen. Bei Plato beschäftigte mich dagegen die Unterscheidung zwischen Idee, Abbild und Schatten.

Dahinter steckt eine Frage, die mich bis heute nicht loslässt: Was ist eigentlich real – und wie viel davon nehmen wir unmittelbar wahr?

Diese Überlegungen begleiteten mich auch Jahre später bei der Entwicklung virtueller Erlebnisräume. Sie waren einer der Gründe, weshalb unsere Plattform den Namen Plato.Gallery erhielt. Virtual Reality eröffnet für mich eine zusätzliche Ebene der Erfahrung: Wir können Räume betreten, Objekte betrachten und Begegnungen erleben, obwohl diese Umgebung nicht physisch vor uns existiert.

Die Begriffe „Meta“ und „Metaverse“ sind inzwischen reichlich strapaziert. Die philosophische Frage dahinter finde ich aber unverändert spannend: Kann eine Erfahrung real sein, obwohl ihre Umgebung virtuell ist?

Heute führt mich diese Neugier immer wieder zur Quantenmechanik und Quanteninformation. Als ich 1998 zum ersten Mal intensiver mit Quantenphysik in Berührung kam, beschäftigten mich Wahrscheinlichkeit, Beobachtung, komplexe Zahlen und verborgene Variablen (Hidden Variables). Die heutige Quanteninformationstheorie war damals noch kein Thema meines persönlichen Lernwegs.

Wenn ich heute Verbindungen zwischen diesen alten Fragen und modernen wissenschaftlichen Konzepten entdecke, ist das keine nachträgliche Heldengeschichte. Ich folge einfach einer Neugier, die nie ganz verschwunden ist – mit KI als Lernpartner und dem ausdrücklichen Wunsch nach Austausch mit Menschen, die fachlich viel tiefer in diesen Gebieten zu Hause sind als ich.

Das Interview, das ich nicht zeigen darf

Für Metaphysis führte ich 1998/99 ein längeres Interview mit Anton Zeilinger. Ich habe ausdrücklich nicht die Rechte, dieses Gespräch heute öffentlich zu zeigen. Also bleibt es im Archiv.

Eigentlich gefällt mir das inzwischen fast: Es ist ein unsichtbares Zentrum meines damaligen Projekts.

Natürlich erinnere ich mich an die Diskussion über Hidden Variables. Noch stärker geblieben sind mir allerdings die Fragen dahinter: Was nennen wir real? Ist ein abstrakter mathematischer Raum in irgendeinem Sinn real? Welche Rolle spielt die imaginäre Zahl i in der Quantenmechanik? Und warum erweist sich mathematische Eleganz in der Physik so häufig als erstaunlich fruchtbar?

Zeilinger erzählte damals auch von seinen Gesprächen mit dem Dalai Lama. Aus dieser Begegnung mit unterschiedlichen Denkweisen blieb mir eine Haltung in Erinnerung, die mich bis heute begleitet: Logisches Denken gehört nicht allein der Physik. Auch Philosophie muss ihre Schlussfolgerungen kritisch prüfen und ihre Annahmen offenlegen.

Besonders faszinierte mich der Gedanke, dass wissenschaftlicher Fortschritt häufig darin besteht, präzise zu zeigen, warum etwas unter bestimmten Voraussetzungen nicht funktionieren kann. Ein Experiment kann einer schönen Theorie widersprechen. Ein mathematisches Argument kann eine vertraute Annahme unhaltbar machen.

Das bedeutet nicht, dass jede wissenschaftliche Erkenntnis bloß vorläufig oder beliebig wäre. Aber auch gut bestätigte Modelle haben einen definierten Geltungsbereich und müssen sich neuen überprüfbaren Erkenntnissen stellen.

Vielleicht ist es gerade diese Bereitschaft, sich von Mathematik, Experimenten und guten Gegenargumenten korrigieren zu lassen, die ich an Wissenschaft so liebe.

Von i zur Wellenfunktion – und weiter

Die Fragen, die mich 1998 beschäftigten, führen mich heute zurück zur Mathematik der Quantenmechanik. Warum spielen komplexe Zahlen und die imaginäre Einheit i eine so zentrale Rolle? Wie werden aus komplexen Wahrscheinlichkeitsamplituden messbare Wahrscheinlichkeiten? Und wie lassen sich Quantenzustände mathematisch und geometrisch beschreiben?

Auf ARTMIS folge ich diesen Zusammenhängen – von der imaginären Zahl über die Bloch-Kugel und die unterschiedlichen Beschreibungen der Quantenmechanik im Schrödinger- und Heisenberg-Bild bis zu weiterführenden Fragen der Quanteninformation und Quantenfeldtheorie.

Dabei interessiert mich nicht nur, wie eine mathematische Herleitung funktioniert, sondern auch, warum diese abstrakten Strukturen unsere physikalische Wirklichkeit so erfolgreich beschreiben können.

Ich schreibe darüber nicht als Quantenforscherin, sondern dokumentiere meinen persönlichen Lernweg, meine Fragen und Gedankenexperimente. KI hilft mir, Zusammenhänge erneut zu erschließen, Annahmen zu prüfen und eigene Überlegungen kritisch zu hinterfragen.

Wo eine Idee fachlich nicht trägt, möchte ich das wissen. Wo eine Frage interessant wird, suche ich den Dialog mit Menschen, die tiefer in der Materie zu Hause sind.

Fast drei Jahrzehnte später

Wenn ich heute auf Metaphysis zurückblicke, entdecke ich vieles, das ich inzwischen anders formulieren würde. Manche Vorstellungen waren naiv, andere überraschend weitsichtig – zumindest aus meiner persönlichen Perspektive. Und trotzdem erkenne ich mich in diesen alten Gedanken erstaunlich gut wieder.

Damals bestanden meine Werkzeuge aus Büchern, Vorlesungen, handschriftlichen Berechnungen und den ersten Möglichkeiten des Internets. Heute kommt künstliche Intelligenz hinzu.

KI ersetzt keine wissenschaftliche Ausbildung, keine Mathematikerinnen und Mathematiker, keine Physikerinnen und Physiker und schon gar keine Forschung. Aber sie gibt mir etwas zurück, das im beruflichen Alltag lange zu kurz kam: Zeit, Denkraum und die Möglichkeit, meiner wissenschaftlichen Neugier wieder zu folgen.

Vielleicht ist genau das der persönliche Kern von ARTMIS: eine Frage nehmen, sie ein Stück zu weit treiben, sehen, wo sie bricht – und dann den Dialog suchen. Mit unterschiedlichen KI-Systemen, mit kreativen Menschen und vor allem mit Fachleuten, die wissenschaftlich viel tiefer in diesen Themen zu Hause sind als ich.

ARTMIS ist für mich keine rückwirkende Forschungsbiografie und kein Anspruch auf Quantenexpertise. Es ist die Möglichkeit, wissenschaftliche Fragen wieder ernsthaft zu verfolgen, Ideen künstlerisch zu betrachten und mit Menschen zu sprechen, die an bestimmten Stellen viel mehr wissen als ich.

Genau ihre Kritik ist willkommen.