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AI x HUMAN

Was hätte Leonardo da Vinci mit KI gemacht?

Über künstliche Intelligenz, menschliche Neugier und die Chance auf eine neue Generation von Universaldenkern.

Worum geht es in diesem Beitrag?

Kann künstliche Intelligenz eine neue Form des interdisziplinären Lernens ermöglichen – und vielleicht sogar eine neue Generation von Universaldenkern fördern? Ausgehend vom Gedankenexperiment, wie Leonardo da Vinci heute mit KI gelernt und geforscht hätte, entwickelt Janine Wald die Idee des „Vibe Learning“: eines neugiergeleiteten, dialogischen Lernens, bei dem Menschen mithilfe künstlicher Intelligenz wissenschaftliche Zusammenhänge erschließen und Fachgrenzen überschreiten können. Der Essay diskutiert die Chancen und Grenzen von KI als persönlichem Lernbegleiter und fragt, wie Universitäten daraus ein anspruchsvolles Studien- oder Zusatzprogramm entwickeln könnten, das wissenschaftliche Grundlagen, kritisches Denken, menschliche Expertise und persönliche Neugier miteinander verbindet.

Doch wie könnte eine solche Form des Lernens aussehen? Vielleicht hilft ein Gedankenexperiment – mit einem der wohl berühmtesten Universaldenker der Geschichte.

Stellen wir uns für einen Moment Leonardo da Vinci mit künstlicher Intelligenz vor.

Nicht Leonardo mit ChatGPT, um schneller Texte zu schreiben. Nicht Leonardo mit einem Bildgenerator, um schneller Bilder zu produzieren. Sondern Leonardo mit einer nahezu unbegrenzten intellektuellen Sparringspartnerin.

Was hätte dieser Mensch damit gemacht?

Leonardo malte, zeichnete, konstruierte und experimentierte. Er beschäftigte sich mit Anatomie, Mechanik, Optik, Geometrie, Wasser, Architektur und dem Fliegen. Was mich an ihm besonders fasziniert, ist dabei nicht das Etikett „Genie“. Es ist seine radikale Neugier.

Wenn ihn etwas interessierte, wollte er verstehen, wie es funktioniert. Eine Frage führte zur nächsten – oft weit über die Grenzen dessen hinaus, was wir heute als einzelne Disziplinen betrachten würden.

Natürlich musste auch Leonardo seinen Lebensunterhalt sichern. Eine feste Anstellung oder ein mächtiger Mäzen bedeuteten für ihn vor allem materielle Sicherheit und Freiraum. Sein berühmter Brief an den Mailänder Hof wirkt aus heutiger Sicht fast paradox: Er warb dort vor allem mit militärtechnischen Lösungen und Waffensystemen, von denen manches eher Entwurf und Gedankenexperiment als erprobte Praxis war. Entscheidend ist für mich: Diese Sicherheit gab ihm die Möglichkeit, zu beobachten, zu forschen und seiner Neugier zu folgen – ohne dass jede Idee unmittelbar finanziellen Output liefern musste.

Viel häufiger scheint die Frage gewesen zu sein: Wie funktioniert das? Warum ist das so? Und was liegt dahinter?

Genau diese Form der Neugier interessiert mich.

WAS, WENN DIE NÄCHSTEN LEONARDOS HEUTE 18 SIND?

Es gibt junge Menschen, die genau so denken. Sie interessieren sich heute für Psychologie und stoßen dabei auf Neurologie. Dort begegnet ihnen ein mathematisches Modell. Plötzlich lesen sie über Informationstheorie. Drei Tage später beschäftigt sie eine philosophische Frage über Bewusstsein.

Oder sie beginnen bei Wirtschaft, gelangen zu Recht, Verhaltenspsychologie und Spieltheorie und entdecken dort Mathematik.

Nicht weil jemand diesen Lernpfad für sie geplant hat. Sondern weil sie wissen wollen, wie die Welt zusammenhängt.

Vielleicht wollen diese Menschen nicht mit 22 ein Unternehmen gründen. Vielleicht steht das zukünftige Gehalt für sie nicht an erster Stelle. Vielleicht wissen sie noch gar nicht, welchen Beruf sie einmal haben werden.

Vielleicht wollen sie zunächst einfach die Welt erforschen.

Und ich frage mich, ob unsere heutige Kombination aus Universität und künstlicher Intelligenz genau diesen Menschen etwas völlig Neues anbieten könnte.

VIBE LEARNING

Ich nenne diese Idee vorläufig Vibe Learning.

Nicht weil Lernen beliebig werden soll. Und schon gar nicht, weil Fachwissen plötzlich unnötig wäre. Im Gegenteil: Wer zwischen Disziplinen wandern möchte, braucht ein Fundament. Mathematik, wissenschaftliches Denken, Logik, Quellenkritik und methodisches Verständnis werden durch KI nicht weniger wichtig. Vielleicht werden sie sogar wichtiger.

Aber auf diesem Fundament könnte etwas entstehen, das bisher nur mit enormem Aufwand möglich war:

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Lernen entlang der eigenen Neugier.

Eine Frage bestimmt die nächste: Psychologie → Neurologie → Mathematik → Informationstheorie → Philosophie. Oder Biologie → Chemie → Materialwissenschaft → Architektur → Design. Oder Wirtschaft → Recht → Psychologie → Spieltheorie → KI.

Der Weg muss vorher nicht bekannt sein. Das Ziel muss nicht einmal bekannt sein.

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Die Neugier gibt die Richtung vor.

KI ALS INTELLEKTUELLER BESCHLEUNIGER

Genau hier verändert KI die Voraussetzungen fundamental. Wenn ich früher beim Lesen eines neurologischen Textes auf eine mathematische Gleichung stieß, die ich nicht verstand, konnte das meine Reise ziemlich schnell beenden.

Heute kann ich eine KI bitten, mir zunächst die Mathematik dahinter zu erklären, ein einfaches Beispiel zu zeigen, fehlende Voraussetzungen sichtbar zu machen, Anwendungen des Modells zu suchen, wissenschaftliche Kritik gegenüberzustellen oder nach ähnlichen Strukturen in anderen Wissensgebieten zu fragen.

Und plötzlich öffnet sich die nächste Tür.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass die KI aus einem neugierigen Menschen über Nacht einen Neurologen, Mathematiker oder Physiker macht. Expertise bleibt Expertise.

Aber KI kann uns ermöglichen, weit genug in andere Wissensgebiete vorzudringen, um Zusammenhänge zu erkennen, bessere Fragen zu stellen – und irgendwann mit den Menschen sprechen zu können, die dort tatsächlich Experten sind.

Wie kann KI beim Lernen komplexer wissenschaftlicher Themen helfen?

Künstliche Intelligenz kann den Einstieg in anspruchsvolle wissenschaftliche Themen erleichtern und das Lernen individueller gestalten. Statt ausschließlich einem vorgegebenen Lernpfad zu folgen, können Menschen eigene Fragen entwickeln und sich die notwendigen Grundlagen schrittweise erschließen.

Ein möglicher Einstieg ist ein KI-generierter Podcast, der zunächst Überblick und Kontext vermittelt. Anschließend lassen sich einzelne Themen im Dialog vertiefen: durch verständliche Erklärungen, mathematische Herleitungen, Beispiele, Rückfragen, Wissenstests und die kritische Überprüfung von Antworten. Ich nenne diese neugiergeleitete, dialogische Lernweise „Vibe Learning“ – einen Begriff, den ich für mein eigenes Lernkonzept in Anlehnung an Vibe Coding verwende.

In meinem persönlichen Lernprozess hilft mir KI, mathematische Grundlagen wieder aufzufrischen, komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge Schritt für Schritt zu verstehen und Verbindungen zwischen unterschiedlichen Fachgebieten zu entdecken.

Dabei kann KI fachliche Einstiegshürden senken, aber weder ein wissenschaftliches Fundament noch formale Qualifikationen ersetzen. Ihre Antworten können Fehler enthalten und müssen anhand verlässlicher Quellen und durch eigene Überlegungen überprüft werden.

Vibe Learning bedeutet deshalb nicht, wissenschaftliche Genauigkeit aufzugeben. Es bedeutet, die eigene Neugier zum Ausgangspunkt zu machen – und KI als Lernpartner zu nutzen, ohne das kritische Denken an sie abzugeben.

FUNDAMENT + INTUITION + KI

FUNDAMENT + MENSCHLICHE INTUITION + KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

Das Fundament verhindert, dass aus Neugier Beliebigkeit wird. KI erweitert den zugänglichen Wissensraum und beschleunigt das Lernen. Aber der Mensch bringt etwas Entscheidendes mit: die Frage.

Warum interessiert mich genau dieser Zusammenhang? Warum erinnert mich etwas aus der Neurologie plötzlich an ein Konzept aus der Informatik? Was passiert, wenn ich zwei Dinge zusammendenke, die normalerweise in unterschiedlichen Fakultäten behandelt werden?

KI kann bei der Untersuchung helfen. Aber die ursprüngliche Irritation, Begeisterung oder ungewöhnliche Assoziation kann von einem Menschen kommen. Gerade junge Menschen könnten darin besonders spannend sein: Sie haben möglicherweise noch nicht gelernt, welche Verbindungen man angeblich nicht herstellen sollte.

WARUM KANN MAN NEUGIER NICHT STUDIEREN?

An Universitäten gibt es heute zu Recht zahlreiche Angebote rund um Entrepreneurship, Unternehmensgründung, Innovation, Start-ups, Businesspläne und die wirtschaftliche Verwertung von Ideen. Studierende lernen, wie aus Wissen Produkte, Unternehmen und Geschäftsmodelle entstehen können.

Das ist sinnvoll. Aber mich beschäftigt die umgekehrte Frage:

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Wo ist der akademische Raum, in dem nicht die Verwertung einer Idee, sondern zunächst die pure Neugier das Ziel ist?

Ein Studium oder Zusatzprogramm, in dem ein junger Mensch nicht am Anfang erklären muss, welches Produkt, welches Unternehmen oder welchen wirtschaftlichen Nutzen er am Ende hervorbringen möchte. Sondern in dem eine gute Frage zunächst genug ist.

Das bedeutet keineswegs, wirtschaftlichen Mehrwert abzulehnen. Im Gegenteil: Wenn intelligente Menschen mit Wissen, Intuition, unterschiedlichen Disziplinen und leistungsfähiger KI arbeiten, kann daraus sehr wohl etwas entstehen, das später wissenschaftlichen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Wert besitzt.

Aber dieser Wert wäre eine mögliche Folge der Erkenntnis – nicht ihr ursprünglicher Auftrag.

Vielleicht entsteht aus einer ungewöhnlichen Verbindung irgendwann eine Technologie. Vielleicht ein Unternehmen. Vielleicht eine wissenschaftliche Hypothese, ein Kunstwerk, eine neue Methode oder etwas, für das wir heute noch gar keine Kategorie haben.

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Der Unterschied liegt im Ausgangspunkt: Nicht „Was kann ich daraus machen?“, sondern „Was möchte ich verstehen?“

Genau dafür könnte Vibe Learning einen Raum schaffen: für junge Menschen, deren stärkster Antrieb nicht Optimierung, Karriereplanung oder Monetarisierung ist, sondern Wissbegierde.

WIE KÖNNTE SO EIN FORMAT AUSSEHEN?

Kein Ersatz für Mathematik, Medizin, Informatik, Psychologie, Recht, Wirtschaft oder Philosophie. Und kein Studium, bei dem man einfach ein bisschen von allem macht.

Sondern ein anspruchsvolles interdisziplinäres Format, das zunächst ein solides wissenschaftliches Fundament schafft und danach erlaubt, KI-gestützt entlang einer eigenen Frage zwischen Disziplinen zu navigieren.

Die Studierenden müssten dabei nicht nur Antworten sammeln, sondern ihren eigenen Denkweg kritisch überprüfen: Wo endet mein Wissen? Wo könnte die KI irren oder halluzinieren? Ist die entdeckte Verbindung wissenschaftlich belastbar oder nur eine faszinierende Analogie? Welche Literatur muss ich lesen? Wie könnte ich eine Vermutung überprüfen oder widerlegen? Und wann brauche ich einen Menschen, der auf diesem Gebiet wirklich Experte ist?

Dann wäre Vibe Learning kein einsames Gespräch zwischen Mensch und Maschine, sondern ein Polylog zwischen Studierenden, KI und Experten unterschiedlichster Disziplinen.

NICHT JEDER MUSS SO LERNEN

Natürlich ist das nicht für jeden. Manche Menschen wissen früh, dass sie Ärztin, Jurist, Informatikerin oder Maschinenbauer werden möchten. Hervorragend.

Aber vielleicht gibt es eine andere Gruppe: Menschen mit einer fast unstillbaren Wissbegierde. Menschen, denen es schwerfällt, sich für nur ein Gebiet zu entscheiden, weil sie ständig Verbindungen zwischen mehreren sehen. Menschen, die nicht zuerst fragen: Welcher Beruf kommt dabei heraus?

Sondern: Was könnte ich herausfinden?

Vielleicht sollten wir ihnen nicht ständig sagen, dass sie sich endlich spezialisieren müssen. Vielleicht sollten wir ihnen einen Ort geben, an dem genau diese Art des Denkens kultiviert wird.

UND DAMIT ZURÜCK ZU LEONARDO

Was hätte Leonardo mit KI gemacht? Keine Ahnung. Und genau deshalb liebe ich dieses Gedankenexperiment.

Vielleicht hätte er seine Flugmaschinen simuliert. Vielleicht hätte er Wasserströmungen mathematisch modelliert. Vielleicht hätte ihn eine anatomische Beobachtung in ein Wissensgebiet geführt, das zu seiner Zeit noch gar nicht existierte.

Vermutlich hätte er vor allem eines getan:

weitergefragt.

Und vielleicht ist das die größere Revolution der künstlichen Intelligenz. Nicht nur, dass plötzlich viel mehr Menschen Bilder erzeugen, Software programmieren oder Texte schreiben können. Sondern dass ein außergewöhnlich neugieriger Mensch heute seiner Frage sehr viel weiter folgen kann als jemals zuvor.

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KI demokratisiert vielleicht nicht das Genie. Aber sie demokratisiert ein Stück weit die Möglichkeit zum Universaldenken.

Und irgendwo sitzt vielleicht gerade ein 18-jähriger Mensch, der noch überhaupt nicht weiß, was er einmal werden möchte. Nur eines weiß er: Er will verstehen, wie diese verdammt interessante Welt funktioniert.

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Vielleicht sollten wir genau dafür ein Studium erfinden.

LET’S START A POLYLOGUE

Ich habe bereits einige Ideen, wie ein solches Vibe-Learning-Curriculum aussehen könnte. Aber ich bin keine Expertin für Hochschuldidaktik – und genau deshalb möchte ich diese Idee nicht alleine fertigdenken.

Mich interessieren die Perspektiven von Menschen, die mehr darüber wissen: Forschende und Lehrende aus unterschiedlichen Disziplinen, Menschen, die sich mit Lernen und KI beschäftigen – und ganz besonders Studierende und junge Menschen, die selbst gerne so lernen würden.

Welche Grundlagen müsste ein solches Studium vermitteln? Wie viel Freiheit könnte man zulassen, ohne wissenschaftliche Tiefe zu verlieren? Wie müsste ein Curriculum aussehen, das Neugier nicht nur erlaubt, sondern systematisch fördert? Und was könnte entstehen, wenn menschliche Intuition, fundiertes Wissen, Experten und künstliche Intelligenz tatsächlich gemeinsam lernen?

Vielleicht gibt es gute Gründe, warum die Idee nicht funktioniert. Vielleicht existieren bereits spannende Ansätze, von denen ich noch nichts weiß. Oder vielleicht lohnt es sich, sie gemeinsam weiterzudenken.

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Ich freue mich auf den Polylog.